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Bhutan - Das letzte Himalayakönigreich (von Gregor Verhufen)

Bhutan ist anders. Es hat sich dem Schutz der Natur verschrieben und gilt als das einzige Land der Welt mit dem tantrischen Mahayana Buddhismus als Staatsreligion. Der vierte König des Landes gab 2008 freiwillig die Macht aus der Hand, zugunsten einer demokratisch gewählten Regierung. Es ist das Land mit der Philosophie des "Bruttonationalglücks", die beschreibt, dass Geld allein nicht der Maßstab zum Glück des Menschen sein kann. Doch der Reihe nach.

Einführung
Geschichte
Religion
Kunst
Festivals
Literatur
Gregor Verhufen

Einführung

Das Königreich Bhutan liegt an den südöstlichen Hängen des Himalaya und erstreckt sich über eine Fläche von 38.394 km² - in etwa die Größe der Schweiz oder des Bundeslandes Niedersachsen. In den zwanzig Distrikten leben heute etwa 757.000 Einwohner, wovon auf die Hauptstadt Thimphu allein mehr als 100.000 (2015) entfallen.

Bhutan ist umgeben von zwei politischen Schwergewichten, China im Norden und Indien in den drei anderen Himmelsrichtungen.
Vor dem 17. Jh. galt Bhutan für die Tibeter als das südliche Land der Mon-Bewohner, ,Lhomön'. ,Bhutan', wurde das Land früher nur außerhalb seines Staatgebietes genannt. Der Begriff soll aus dem indischen ,Bhotanta' abgeleitet worden sein, welches ,Ende von Tibet' bedeutet, also das Gebiet jenseits des tibetischen Kulturraums bezeichnet. Wenn die Inder aus der indischen Ebene nach Bhutan hochblickten, gaben sie dem Land den Namen ,Bhu-Uttan' - ,Hochland' bzw. ,Kopfland' (Indiens). Westliche Beobachter griffen diese Namen später in modifizierter Form auf, und Bhutan selbst benutzt ihn heute als offizielle internationale Bezeichnung.

Die Bhutaner bezeichnen ihr Land seit dem 17. Jh. als ,Drukyül', das ,Land des Drachens'. Der Name ist abgeleitet von ,Druk(pa)' (Drache), eine Bezeichnung für die vorherrschende buddhistische Schule Bhutans. Er geht auf den Ordensgründer Tsangpa Gyare (1161-1211) zurück, der bei einer Klostergründung in Tibet neun Drachen aufsteigen sah und dies zum Anlass nahm, seinen Orden ,Drachenschule der mündlichen Überlieferung' (Drukpa Kagyü) zu nennen.

Drei Klimazonen umschließen Bhutan: Die kalte Hochgebirgsregion des Himalaya bildet den nördlichen Landesteil, der von Nomaden verschiedener Stämme bewohnt ist. In der mittleren Region mit gemäßigtem Klima befinden sich auf etwa 2.500m Höhe die für die Geschichte und Kultur bedeutendsten Gebiete des Drachenlandes. Hier leben die Menschen, "die als erste aufstiegen" (Ngalong) und tibetischer Abstammung sind. Die Bewohner der nördlichen und mittleren Landesteile gehören dem Buddhismus an. Die südliche, bis in die indischen Duar-Gebiete führende subtropische Region bildet die dritte Zone; sie wird von zumeist nepalstämmigen "Menschen des Südens" (Lhotsampa) bewohnt, die in der Regel Anhänger des Hinduismus sind und etwa ein Drittel der Bevölkerung Bhutans ausmachen.
 

Geschichte

Frühe Geschichte Bhutans

Allgemein gesagt, kann Bhutans Geschichte in die Zeit vor und die Zeit nach dem 17. Jh. eingeteilt werden. Von der Frühzeit wissen wir noch relativ wenig, da erst in den letzten Jahren archäologische Ausgrabungen vor allem in Zentralbhutan vorgenommen wurden. Interessant wird es ab dem 7. Jh. Die Geschicke des Landes waren damals eng mit denen Tibets verknüpft. Der 33. König Tibets, Songtsen Gampo, hatte gerade den Buddhismus in seinem Land eingeführt, angeregt durch seine beiden Ehefrauen aus Nepal und China.

Letztere stellte durch geomantische Untersuchungen fest, dass es sich bei Tibet um eine auf dem Rücken liegende Dämonin handelt, die durch ihre Bewegungen das Land in Unruhe versetzt. Die Dämonin konnte nur dadurch besänftigt werden, dass man an ihren Gliedmaßen, die für die Unruhe verantwortlich waren, Tempel und Klöster bauen ließ und die Dämonin damit faktisch angenagelt wurde. Zwei der insgesamt 108 Tempel, die Songtsen Gampo anschließend errichten ließ, liegen auch auf bhutanischem Staatsgebiet: Kyichu Lhakhang in Paro, der nur noch in seinen Grundmauern aus dem 7. Jh. stammt, sowie der vollständig erhaltene und damit älteste Tempel Bhutans, Jampa Lhakhang in Bumthang.

In den darauf folgenden Jahrhunderten kamen immer wieder Lamas aus Tibet zu Besuch nach Bhutan. Dies geschah allerdings nicht, weil die Bhutaner ihr Land als Teil Tibets betrachtet hätten, sondern weil sie ebenso wie die Tibeter den Schutz der Lamas brauchten. Ein solcher großer Lama war der als ,zweiter Buddha' bekannte Meister und Magier Padmasambhava (auch Guru Rinpoche genannt), der der Mythologie zufolge im Jahre 737 in zornvoller Gestalt als Droje Drolö auf dem Rücken einer Tigerin fliegend, das ,Tigernest' (Taktsang) in Paro erreichte. Nach seiner Ankunft meditierte er für drei Monate in der ,glorreichen Berghöhle' (Pelphug) von Taktsang. Anschließend bekehrte er die Bewohner des Parotals und im Anschluß daran das ganze Land. 1692 wurde die Höhle von Tenzin Rabgye (1638-1696) um eine Tempelanlage erweitert, die heute als die bedeutendste des Landes gilt. Die von Padmasambhava gegründete ,Lehrtradition der Alten' (Nyingmapa) ist vor allem in den östlichen Regionen Bhutans heute noch lebendiger Bestandteil des religiösen Lebens.



Shabdrung Ngawang Namgyal und die Einigung des Landes

Im 13. Jh. besuchten zwar erstmals Lamas der Drukpa Schule Bhutan, allen voran Phajo Drukgom Shigpo (1179?-1245?), aber erst 1616 mit dem Eintreffen des charismatischen Shabdrung Ngawang Namgyel (,der, vor dem man sich verneigt') (1594-1651), nahm Bhutans Geschichte einen völlig neuen Verlauf. Mit großem Engagement vereinte Shabdrung zunächst die Distrikte Westbhutans, die bis dahin eigenständig unter der Patronage jeweils unterschiedlicher Lamas und Fürsten standen. Er übernahm bereits existierende Klöster und lies selbst große Dzongs nach tibetischem Vorbild errichten.

Nach drei Jahren der Meditation entschied Shabdrung, einen neuen Staat zu gründen, der auf dem aus Tibet bekannten dualen Prinzip basieren sollte, wo der Dalai Lama die religiöse und weltliche Ordnung (,Tschö Si Nyi Dän') repräsentiert. Beide Funktionen übernahm Shabdrung zunächst selbst. Später übertrug er die religiöse Leitung des Landes dem obersten Abt (,Je Khenpo') und legte die weltlichen Angelegenheiten in die Hände eines Regenten (,Druk Desi').

Unter der Direktive des charismatischen Lamas wuchs die Anzahl der Mönche beständig und lag 1627 bei mehr als 100, wie aus den Berichten des Jesuitenpaters Cacella hervorgeht. Vor der Zeit Shabdrungs galt Bhutan als Land mit zügelloser Kriminalität und Gesetze zur Regulierung des sozialen- und moralischen Verhaltens fehlten völlig. Shabdrung entschloss sich daher, eine Reihe kodifizierter Gesetze namens Kathrim – der erste Gesetzeskodex in Bhutan – auf der Grundlage religiöser und weltlicher Prinzipien einzuführen. Diese basierten auf den buddhistischen Regeln der "zehn göttlichen Tugenden" (,Lhatschö Gewätschu') und den "sechszehn menschlichen Grundsätzen" (,Mitschö Tsangma Tshudrug'), die bereits Tibets Religionskönig Songtsen Gampo im 7. Jh. niedergeschrieben hatte. Der Kodex bestimmte die Besitzverhältnisse der Klöster, die Pflichten des Regenten, das Zölibat der Mönche, aber auch die Abstinenz von Tabak und Sklaverei. Außerdem wurde darin die Arbeit der Regierung, Kriminalität und Bestrafung, der Nachlass, Handel, Kommerz, Steuern und anderes geregelt.

Beim Bau der Klöster kam es vor allem auf handwerkliches Geschick an. Um dieses zu fördern, legte Shabdrung die Grundlagen für die sogenannte dreizehn Handwerkskünste (,Sorig Tschusum').
Dazu gehören:
(1) die Zimmermannskunst einschließlich der Bauarbeiten an Klosterburgen, Tempeln, Palästen und Wohnhäusern, der Konstruktion von Mandalas sowie der Herstellung von Werkzeug und anderem Gerät;
(2) die Steinmetzkunst; dazu gehört die Anfertigung von Stupas, Steintöpfen und -werkzeugen, Mahlsteinen und als besondere Kategorie die Errichtung von Steinmauern;
(3) die Schnitzerei in Form von Holzschnitzerei und skulpturaler Bearbeitung von Schiefer und Stein;
(4) die Malerei im weiteren Sinn einschließlich der Anfertigung von Thangkas und Mandalas sowie der Bemalung von Schreinen, Wänden und Häusern;
(5) die Tonarbeit; dazu gehört die Herstellung von Statuen, Töpferware und Masken, von Mörtel, Stuck und von Opfergaben sowie die Errichtung von Bauteilen aus Stampferde;
(6) der Metallguss zum Gießen von Standbildern, Glocken und anderen Musikinstrumenten, von Werkzeug, Küchengerät und Schmuck sowie das Eingießen von verdünntem Ton in Modeln zur Herstellung von Töpferwaren;
(7) die Holzdrechselkunst zur Herstellung von Schalen, Schüsseln, Tellern, Eimern, Schöpfkellen und kleinen Handtrommeln für bestimmte Zeremonien;
(8) die Schmiedekunst zur Herstellung von Schwertern, Messern, Äxten, Pflugscharen, Ketten usw.;
(9) Kunstschmiedearbeiten aus Gold, Silber und Kupfer;
(10) Bambus- und Rohrverarbeitung; (11) die Papierherstellung;
(12) die Stoffverarbeitung (nähen und sticken);
(13) die Webkunst.

Shabdrung, der ein Flüchtling aus Tibet war, musste sich immer wieder der einfallenden tibetischen Truppen erwehren. Als rechtmäßiger Abt des großen Klosters Ralung hatte er bei seiner Flucht aus Tibet eine kleine Reliqienstatue des Bodhisattvas des Mitgefühls (Avalokiteshvara Karshapani) mit nach Bhutan gebracht. Bei dem Versuch tibetischer Truppen, diese zurückzuholen, griff Shabdrung, der sich gerade im Kloster Punakha aufhielt, zu einem Trick und ließ seine wenigen Soldaten auf der Innenseite des Klosters immer wieder neu aufmarschieren, so dass bei den Tibetern der Eindruck entstand, Shabdrung verfüge über eine große Truppenzahl. Als die Belagerung kein Ende nehmen wollte, verließ er das Kloster in Richtung auf die tibetischen Truppen, die am gegenüberliegenden Ufer des Pochu -Flusses campierten und hielt hocherhoben eine Orange in seiner Hand, die von weitem wie die kleine Staue aussah. Mit den Worten: "Ihr werdet die Reliquie niemals bekommen, eher werfe ich sie in den Fluss", warf er diese ins Wasser. Daraufhin sprangen viele Tibeter, die dies für einen barbarischen Akt hielten, ins Wasser, um danach zu tauchen. Die Schlangengeister des Flusses (Nagas), die den vermeintlichen Schatz hüteten, gaben diesen aber nicht mehr preis, sodass viele Tibeter, die zudem schlecht schwimmen konnten, ertranken und sich der Rest der tibetischen Armee zurückzog.

Diese Begebenheit wird heute alljährlich beim ,Neujahrsfest des Königs (der erlösten Dämonen)' unter dem Namen ,Punakha-Dromtschö' an den letzten zwei Tagen des elf Tage dauernden Festivals nachgespielt. Shabdrung trug es persönlich 1649 zum ersten Mal aus, um rituelle Opferungen und Dankgebete an die Religionsschützer zu entrichten.

Einstmals existierte mit dem Fest zum Jahresbeginn des Bauernkalenders (,Lonam Losar') auch noch ein anderer Festivaltyp in Bhutan. Heute sind davon noch das Auftreten des männlichen Pawo-Orakels oder im Falle eines weiblichen Orakels, die Yogin bzw. eine Beschwörungsfrau (,Nyenjomo') übrig geblieben, die in Westbhutan vor allem noch im Distrikt Ha beobachtet werden können.
Gegen Ende seines Lebens zog sich Shabdrung 1651 zur Meditation zurück. Nur noch drei Mönche hatten Zugang zu ihm. Der genaue Zeitpunkt seines Todes wurde viele Jahre als Staatsgeheimnis gehütet, um die durch ihn eingeleitete Politik der Stabilität des Landes nicht zu gefährden. In den folgenden Jahrhunderten wurde Bhutan vor allem durch Regenten und Gouverneure (,Pönlop') regiert.

Monarchie, Modernes Leben und alte Traditionen


Im späten 19. Jh. war die mächtigste Person Bhutans der Gouverneur von Trongsa, Ugyen Wangchuck. Mit britischer Unterstützung wurde er 1907 zum ersten König Bhutans gewählt. Mit Einführung der Monarchie konnte Bhutan innenpolitisch weiterhin unabhängig bleiben, außenpolitisch wurde es jedoch von den Engländern kontrolliert. Diese Kontrolle übernahm Indien 1947 nach seiner Unabhängigkeit und erst mit der Ratifizierung des indisch-bhutanischen Friedensvertrag von 2007 sowie der Einführung der neuen Verfassung am 18. Juli 2008 erlangte Bhutan seine vollständige Souveränität zurück.

Die Monarchie brachte Bhutan große Veränderungen. Eine ganze Anzahl von Reformen konnten seither umgesetzt werden, die vor allem durch den dritten und vierten König, Jigme Dorji Wangchuck (1928-1972) und Jigme Singye Wangchuck (1955-?) vorangetrieben wurden. Zu den wichtigsten zählen der indisch-bhutanische Friedensvertrag von 1949, Einsetzung eines Parlaments (1953), Beginn staatlicher Fünfjahrespläne (1962), Entwicklung des Bildungswesens, Aufnahme in die UNO (völkerrechtliche Anerkennung) (1971), usw. Im August 1998 beschränkte König Jigme Singye Wangchuck gegen den Willen des Parlaments seine eigene Macht und unterstellte sich der Autorität des Parlaments. In den folgenden Jahren unternahm der König verschiedene Schritte zur Umwandlung des Landes in eine konstitutionelle Monarchie. 2005 kündigte er allgemeine Wahlen an. Aus diesen Wahlen ging die erste demokratisch gewählte parlamentarische Partei hervor. Als erster Premierminister (wörtlich ,Großminister', Lyoncchen) wurde Jigme Y Thinley gewählt, der Bhutan noch heute regiert.

Die Verfassung von 2008 enthält eine große Anzahl von Neuerungen. Unter anderem verpflichtet sich der König darin, spätestens im Alter von 65 Jahren zurückzutreten, sofern es einen erwachsenen männlichen oder weiblichen Nachfolger gibt. Desweiteren bekennt sich Bhutan verbindlich dazu, dass zu allen Zeiten 60% seines Staatsgebietes (derzeit 68%) Wälder bleiben müssen.

Schließlich dankte der vierte König Jigme Singye Wangchuck Ende 2006 zugunsten seines Sohnes, Jigme Khesar Namgyal Wangchuck, ab. Die offizielle Krönung des neuen Königs fand jedoch erst am 6. November 2008 statt, da die Astrologen die Jahre zuvor als sog. schwarze Jahre, an denen man nichts nennenswert Neues beginnen sollte, identifiziert hatten.

Auf eine Idee des vierten Königs geht auch die sogenannte ,Philosophie des Glücklichseins', in Bhutan Bruttonationalglück (,Gross National Happiness') genannt, zurück. Die Wurzeln dieser Philosophie sind im Buddhismus zu finden, wo es u. a. heißt, dass nur der wirklich glücklich sein kann, der nicht selbstbezogen handelt, sondern sich überwiegend um das Wohl anderer bemüht. Eine Regierung hat die Aufgabe, sich um das Wohl und Glück ihrer Bürger zu bemühen. Dazu – so glaubt man in Bhutan – reicht es nicht aus, nur auf den Wohlstand, also das Bruttosozialprodukt zu schauen. Das Glück eines Menschen geht weit über den materiellen Wohlstand hinaus. Es steht nach Auffassung der Bhutaner auf vier Grundpfeilern: Neben der Bereitstellung von genügend Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten (1) sind auch die kulturelle und religiöse Identität zu bewahren (2). Glück bedeutet, die Natur zu erhalten (3) und eine gute Regierungsführung sicherzustellen (4). Diese Kerneigenschaften des Bruttonationalglücks bemüht sich die Regierung Bhutans zum Wohle ihrer Bürger umzusetzen – bislang mit großem Erfolg.

Religion

 

Die Staatsreligion (75 %) ist die tantrische Form des Mahayana-Buddhismus. Bhutan ist das einzige Land, welches diese Art der Buddhismus als Staatsreligion praktiziert. Neben der Philosophie Buddhas hat sich, vor allem durch indische und nepalesische Immigranten, aber auch der Hinduismus (25 %) in Bhutan etabliert.

Die Staatsgründung Bhutans im 17. Jahrhundert durch Shabdrung Nawang Namyal, den Abt eines Drukpa-Kagyü-Klosterordens in Tibet, ist eng mit dem Buddhismus verbunden. Der Bau der Klosterburgen (Dzongs) in Bhutan diente der militärischen Verteidigung gegen den rivalisierenden Gelugpa-Klosterorden, der wiederholt versuchte, seinen machtpolitischen Einfluss auf Bhutan auszudehnen. Unter König Jigme Dorje Wangchuk verloren die Drukpa-Klöster ihren Grundbesitz, den die Regierung an landlose Bauern verteilte. Finanzielle Zuwendungen aus dem Staatshaushalt stellen die Existenz der Klöster sicher. In der Nationalversammlung sind ferner 15 Sitze für Vertreter des Klerus reserviert, die von einem buddhistischen Gremium bestimmt werden. Das spirituelle Oberhaupt des Drukpa-Kagyü-Klosterordens ist der Je Khenpo, er genießt neben dem König eine hohe Stellung im politischen System Bhutans. Neben den Drukpa sind auch die Nyingma-Tradition nach Pema Lingpa und die Drikung-Kagyü-Schule in Bhutan vertreten. Die Königsfamilie von Bhutan stammt von Pema Lingpa ab.

Ein besonderer Höhepunkt sind die regionalen Klosterfestivals, genannt Tshechus. Die bekannsten Festivals sind in Thimpu und Paro. Aber besonders die kleineren Festivals sind oft sehr reizvoll und noch weniger besucht.

Nicht nur der Buddhimus spielt eine bedeutende Rolle im Leben der Bewohner Bhutans. Auch der Schamanismus wird im Alltag gelebt. Hier finden Sie eine Veröffentlichung "Die Orakel von Westbhutan" von Gregor Verhufen zum Schamanismus in Bhutan.

Kunst

Die religiöse Kunst Bhutans

von Gregor Verhufen aus "Glückseligkeit des Drachens - die Philosophie des Gücks in Bhutan und anderswo" (2010)


Das kleine Himalajakönigreich Bhutan hat in den letzten Jahren eine Entwicklung gezeigt, wie sie in der Welt einzigartig ist:
Der charismatische vierte König des Landes, Seine MajestätJigme Singye Wangchuck, verzichtete überraschend am 14. Dezember 2006 zugunsten seines Sohnes, des fünften König Bhutans, Seine Majestät Jigme Khesar Namgyel Wangchuck, auf sein Amt. Nachdem die Astrologen des Landes die darauffolgenden Jahre als nicht glückverheißend erkannten, fand die offizielle Krönung erst am 6. November 2008 statt. Die neue Verfassung des Landes, für die nach Angaben des Obersten Richters Bhutans, Lyonpo Sonam Tobgye, ungefähr 100 Verfassungen anderer Länder studiert wurden, ist eine der komplexesten der Welt. Darin ist festgelegt, dass Bhutan zu einer konstitutionellen Monarchie mit einem Mehrparteiensystem wird und der König – der zuvor einen Absolutheitsanspruch besaß – nur noch begrenzte Rechte behält, wie z. B. den Oberbefehl über die Armee. Wie alle Beamten des Landes, muss auch er zukünftig zugunsten eines erwachsenen Nachfolgers bzw. erstmalig auch einer Nachfolgerin, spätestens im Alter von 65 Jahren abdanken. Ferner kann er nun auch durch eine Parlamentsmehrheit abgewählt werden.

Die Philosophie des Bruttosozialglücks (Gross National Happiness, GNH), derzufolge nicht nur das Bruttosozialprodukt zum Glücklichsein beiträgt, sondern auch die Förderung einer sozial gerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung, die Bewahrung und Förderung kultureller Werte, der Schutz der Umwelt und die Einrichtung guter Regierungs- und Verwaltungsstrukturen, ist zu Bhutans Aushängeschild geworden und erfreut sich international immer größer werdender Popularität.

Spätestens seit der fulminanten Ausstellung „Bhutan – Heilige Kunst aus dem Himalaya“ im Museum für Ostasiatische Kunst in Köln, die nahezu 52.000 Menschen besuchten, genießt das kleine asiatische Königreich auch bei uns in Deutschland großes Ansehen. Nicht zuletzt trugen dazu neben den Kunstwerken auch die täglich durchgeführten Rituale der Mönche, die sakralen Tänze und die kunstvoll angefertigten Sandmandalas bei.

In der Kölner Ausstellung des Museums für Ostasiatische Kunst wurden vom 20. Februar bis 24. Mai 2010 religiöse Kunstwerke aus Bhutan präsentiert, die von der Honolulu Academy of Arts, Hawaii, USA, in Zusammenarbeit mit Repräsentanten aus Bhutan sorgfältig ausgewählt wurden. Die Ausstellung trug in den USA den Titel „The Dragon’s Gift“. In Köln gewährte das kleine Königreich damit erstmals einen künstlerischen Einblick in seine über 2000 buddhistischen  Klöster. Die vorgestellte Sammlung ist bislang einmalig und die Ausstellung die erste ihrer Art in Deutschland.

Zum Verständnis der religiösen Kunst des Drachenlandes, wie Bhutan von seinen Bewohnern genannt wird, ist ein Blick auf den Nachbarn Tibet vonnöten, der zu Zeiten seiner kulturellen Blüte die Religion und Kultur des Königreichs maßgeblich beeinflusst hat. Über einen Zeitraum von beinahe eintausend Jahren gab es einen regen Transfer tibetischen Kulturguts nach Bhutan. Die tibetischen Lamas brachten bei ihren Besuchen in das südliche Mön (lho mon), wie Bhutan von den Tibetern genannt wurde, nicht nur die religiösen Lehren mit, sondern auch die Künste, Literatur, Musik und vieles mehr.

Schon zu Zeiten des tibetischen Königs Songtsen Gampo im 7. Jh. wurden auch in Bhutan erste Tempel wie der Kyichu-Lhakhang in Paro und der Jampa Lhakhang in Bumthang – der erste ist teilweise, der zweite vollständig erhalten – nach tibetischem Vorbild gebaut. Der große indische Heilige und Mystiker Padmasambhava (8.Jh.) besuchte Bhutan dreimal und auch Tibets König Trisongdetsen (730-?) ließ in Bhutan Tempel errichten, die noch heute im zentralbhutanischen Bumthang besucht werden können.

Die Ursprünge der bhutanisch-buddhistischen Religion wurden also direkt aus Tibet überliefert und können erst von dort weiter in ihr Ursprungsland Indien zurückverfolgt werden. Alle religiösen Lehren, die Bhutan aus Tibet erreichten, sind authentisch und vollständig.

Bis zum 17. Jh., besuchten tibetische Lamas regelmäßig das kleine Land im Süden und verbreiteten dort ihre Lehren. Dabei waren alle tibetisch-buddhistischen Schulen mit Ausnahme der Gelugpa-Schule zu einer gewissen Zeit in Bhutan aktiv. Die Anstrengungen des tibetischen Klerus hatten neben der Religion auch einen Kulturtransfer von Tibet nach Bhutan zur Folge, der das kleine Land nachhaltig prägte.

Als der charismatische tibetische Lama Shabdrung Ngawang Namgyel (1594-1651) nach Bhutan kam, änderte sich das Verhältnis der Tibeter zu den Bhutanern. Shabdrung war in seiner Heimat als rechtmäßige Inkarnation des früheren Abtes und berühmten Schriftgelehrten Pema Karpo (1527-1592) anerkannt und trat als der 18. Abt des Klosters Ralung dessen Nachfolge an. Der Herrscher der tibetischen Provinz Tsang, Desi Tsangpa Phüntshog Namgyal (sDesrid gtsang pa phun tshogs rnam rgyal, gest. 1621), unter dessen Obhut das Kloster Ralung fiel, bevorzugte jedoch den Sohn des Regenten von Tschongyä als Abt. Als Shabdrung infolge des Zwistes nach Süden in Richtung Bhutan flüchtete und auf der Flucht die heiligste Reliquie des Klosters Ralung mitnahm, brach ein offener Streit aus. Shabdrung sah es jedoch als Abt des Klosters als seine Pflicht an, diese kostbare Reliquie mit sich zu führen.

Bei der erwähnten Reliquie handelt es sich um ein kleines Stück Oberschenkelknochen des Kloster- und Ordensgründers Tsangpa Gyare (1161-1211), das bei der traditionellen Verbrennungszeremonie übrigblieb. Auf dem Oberschenkelknochen hatte sich „aus sich selbst heraus“ (tib. rang ‘byung) eine kleine Avalokiteshvara Figur mit Namen Karshapani gebildet. Diese Figur wurde im Anschluss als Rangjung Karshapani bekannt und ist bis heute Bhutans bedeutendster religiöser Schatz. Mit aller Macht wollten die Tibeter jedoch „ihre“ Reliquie zurück bekommen. Bei insgesamt sechs militärischen Konflikten, die die Bhutaner allesamt siegreich für sich entscheiden konnten, war nun an einen Religions- und Kulturaustausch mit Tibet kaum noch zu denken, zumindest aber wurde dieser stark erschwert.

Man kann also sagen, dass der Einfluss Tibets auf die Religion und Kultur Bhutans bis in das 17. Jh. reichte und danach bis auf wenige Ausnahmen praktisch nicht mehr von Bedeutung war. Dies hatte auch zur Folge, dass Bhutan von nun an auf sich gestellt war und seine heutige bekannte religiöse und kulturelle Eigenständigkeit hier ihren Anfang nahm.

Mit der von Shabdrung herbeigeführten Vereinigung des Landes erhielt Bhutan einen neuen Namen. Gemäß der buddhistischen Drukpa-Schule, der Shabdrung angehörte, wurde daraus „Drukyül“, das Drachenland. Als charismatische Persönlichkeit hatte Shabdrung Ngawang Namgyel in äußerst  kurzer Zeit viele Neuerungen im Land eingeführt. Dazu gehörten eine neue Gesetzgebung, der Bau der Klosterburgen (Dzongs) und die Einführung der sogenannten dreizehn Künste und Handwerke, die im Folgenden näher betrachtet werden sollen.

 

Wissenschaften und Künste im Buddhismus

Kunst und Handwerk in Bhutan sind – wie auch in Tibet - eng miteinander verknüpft. So heißt es, dass das Studium der Kunst und des Handwerks zum Nutzen aller Wesen ein Charakteristikum eines Bodhisattvas sei und auch der Buddha selbst alle Wissensgebiete studiert und dadurch letztendlich die Erleuchtung erlangt hat.

Um anderen von Nutzen zu sein, ist es gemäß des Buddhismus zunächst erforderlich, sich selbst in allen Disziplinen des Wissens zu schulen und diese zu meistern. Diese Disziplinen sind bekannt als die „Fünf großen Wissenschaften“ und die „Fünf kleinen Wissenschaften“ (riggnas che ba lnga dang chung ba lnga). Zu den „Fünf großen Wissenschaften“ gehören Kunst und Handwerk, Medizin, Grammatik, Logik und buddhistische Philosophie. Zu den „Fünf kleinen Wissenschaften“ Dichtkunst, Semantik (Lehre der Wortbedeutungen), Lexikographie (Lehre vom Abfassen eines Wörterbuchs), Dramatik und Astrologie.

Die Prinzipien für die Lebensgestaltung in Bhutan wurden in zehn Wissenschaften die auch als Handlungsbereiche vorgestellt werden können, unterteilt. Fünf davon besitzen eine höhere und fünf eine untergeordnete Bedeutung. Von den fünf wichtigeren werden drei besonders hervorgehoben:

  1. Nach buddhistischer Auffassung soll von den drei Aspekten eines Menschen –Körper, Sprache und Geist – der Geist an erster Stelle stehen, da dieser der Ursprung aller Dinge ist und die Sprache und den Körper dominiert. Kunst- und andere Objekte, die durch den Geist erzeugt, aber mit dem Körper hergestellt werden, bezeichnet man als Kunst des Körpers (lus bzo). Darunter fallen die dreizehn Künste ebenso, wie beispielsweise der religiöse Tanz (’cham) oder die Herstellung von Möbeln und Haushaltgegenständen. Die Kunst der Sprache (ngag bzo) umfasst beispielsweise das Lehren, die Debatte, religiöse Gesänge, das Erzählen von Geschichten usw., während zur Kunst des Geistes (yid bzo) die dreifache Praxis,  das Hören der Lehre am Anfang, das Nachdenken über ihre Bedeutung in der Mitte und das Praktizieren der Meditation am Ende ebenso gehört, wie auch das Verständnis der relativen und absoluten Ebene der Phänomene. Auch die Kenntnisse zur Gesundheit, Sowa Rigpa (gso ba rig pa), gehören dazu.
     
  2. Wissenschaften, welche die persönliche Entwicklung und den Pfad zur eigenen Erleuchtung widerspiegeln; dazu gehört die buddhistische Philosophie, Nangdenpa (nang ldan rig pa).
     
  3. Die sprachliche Interaktion zwischen den Menschen. Diese wird in Darigpa (brda rig pa), Grammatik sowie Dichtkunst und Erzählungen und Tshema Rigpa (tshad ma rig pa), Debatten über Fragen der Religion und neuerdings auch Recht, unterteilt. (Khenpo Phuntsog Tashi, 13, Ison, 102)

Den Wissenschaften kommt in der religiösen Tradition eine immense Bedeutung zu. Der Mönch und Museumsdirektor des Nationalmuseums in Paro, Khenpo Phuntsog Tashi (10), ruft dazu die indischen und tibetischen Meister ins Gedächtnis:

„Durch die Kenntnis der Grammatik werden alle Fehler in jemandes Worten auf natürliche Weise entfernt; so waren Acharya Chandragomin und Thonmi Sambhota.

Durch die Kenntnis der Logik werden falsche Interpretationen sowie das unlogische, weitschweifige oder inkonsequente Denken, die alle Quellen von Missverständnissen sind, beseitigt; so waren Acharya Dignaga und Acharya Dharmakirti.

Durch die Kenntnis aller Künste und Handwerke – Skulptur, Malerei, Kalligrafie, Bauwerke – und Möbelherstellung wird ein Vorteil sowohl für sich selbst als auch für andere erreicht; so war der Meister-Handwerker Vishvakarma.

Durch die Kenntnis der Medizin wird das Leiden der Wesen und ihre Beschwerden entfernt, Wohlbehagen wird wieder hergestellt, und der zeitweilige Kummer der Sterblichkeit gelindert werden; so waren Tshojed Dawai Zhonu und Yuthog Gönpo.

Durch die Kenntnis in der buddhistischen Philosophie werden alle Leidenschaften und Wahnvorstellungen im Inneren von der Wurzel her beseitigt, und man kann zum allwissende Bodhisattva werden, der den tiefgründigen Pfad versteht. So waren Acharya Nagarjuna und
Acharya Asanga.“

Neben den fünf gibt auch eine Einteilung in die achtzehn Wissenschaften, zu denen Musik, sinnliche Fähigkeiten, Haushaltsführung, Mathematik, Grammatik, Medizin, religiöse Traditionen, Malerei und Handwerk, Bogenschießen, Logik, Pharmakologie, Selbstdisziplin, Nachdenken über Studiertes, Astronomie, Astrologie, Magie, Geschichte und das Geschichtenerzählen gehören.

 

Die dreizehn traditionellen Künste und Handwerke, Sorig Chusum (bzo rig bcu gsum)

Auch unter den dreizehn traditionellen Künsten und Handwerken Bhutans, die Shabdrung Ngawang Namgyel für Bhutan entwarf, finden sich solche mit einer höheren und andere mit einer untergeordneten Bedeutung: Zu den ersteren gehört beispielsweise das Herstellen jeglicher  Art von religiösen Objekten: Tonstatuen, die Metallstatuen-Herstellung, religiöse Gemälde oder das Anfertigen des buddhistischen Kanons (also das Schreiben oder auch das Schnitzen der Blockdrucke), das Herstellen der acht Arten von Stūpas, das Anfertigen von Attributen der Meditationsgottheiten wie Glocke, Vajra, Dolch, Handtrommel usw…

Weiterhin werden Kunst und Handwerk nach den Attributen „fühlbar“ oder „konkret“ im Gegensatz zu „unkonkret“ unterschieden, die nach bhutanischer Erklärung existieren, wie das Gesetz von Ursache und Wirkung: Das Ausüben der dreizehn Künste und Handwerke fällt unter die „konkreten“ Dinge, weil „handwerkliches Geschick und Anstrengung“ als Ursache ein „resultierendes Objekt“ als Wirkung hervorbringen.

Bei Ison (S. 102) heißt es dazu: „Im Rahmen der geschichtlichen und geographischen Gegebenheiten und durch die Art, wie die Menschen ihr Leben eingerichtet haben, hat sich eine Anzahl traditioneller Künste entwickelt, denen aufgrund von Alter, Entwicklungsgrad, Komplexität und Mannigfaltigkeit ein einzigartiger Stellenwert zukommt. Diese traditionellen Kunstfertigkeiten wurden unter der Bezeichnung Sorig Chusum (bzo rig bcu gsum) bekannt, die ‚dreizehn Handwerke’, eine Bezeichnung, die in dieser Weise in Tibet nicht bekannt ist. Sie sind heute ein Fundus von Wissen und Können, das seit Jahrhunderten vom Vater an den Sohn und von der Mutter an die Tochter weitergegeben wird.

Der Ausdruck Sorig Chusum bezieht sich auf die dreizehn traditionellen Handwerke in Bhutan. So (bzo) bedeutet die Fähigkeit, etwas herzustellen, Rig (rig) ist Kunst oder das Handwerk, und Chusum (bcu gsum) heißt ,dreizehn'. Die Wurzeln des Begriffs und seine Bedeutung in Bezug auf die heute überall im Königreich ausgeübten Handwerke zu verfolgen und zu verdeutlichen, ist ein sehr kompliziertes Unterfangen. Sogar unter den Familien, die seit langem einem dieser Handwerke nachgehen, gehen die Meinungen teilweise weit auseinander. Man nimmt an, dass die Sorig Chusum zuerst während der Herrschaft Tenzin Rabgyes (1680- 1694), des vierten Desi (weltlichen Herrschers), definiert, benannt und eingeteilt wurden.

Zwar finden sich in religiösen Texten Hinweise auf die Sorig Chusum, aber es gibt kein Werk mit einer definitiven Aufzählung und umfassenden Darstellung der historischen Entwicklung der einzelnen Handwerkszweige. Ebenso wenig gibt es Fachleute oder Institutionen, die etwas zu einer historischen Gesamtdarstellung beitragen könnten, weil die vielen Ethnien in Bhutan lange Zeit durch natürliche Barrieren voneinander abgeschnitten waren. Wer diese alte, reichhaltige und wertvolle Tradition näher untersuchen will, ist auf Informationen aus mündlichen Überlieferungen, materiellen Zeugnissen und persönlichen Aussagen angewiesen. Für die Zukunft ist zu hoffen, dass die Sorig Chusum nicht nur ein Bindeglied zu den großen Meistern der Vergangenheit sind, sondern auch einen Beruf und eine Verdienstquelle darstellen können.“

Welche Künste oder Handwerke nun genau zu den dreizehn Kunsthandwerken gezählt werden können, scheint auch in Bhutan nicht in letzter Konsequenz geklärt, es finden sich unterschiedliche Reihen. Die folgende Aufzählung findet sich jedoch bei fast allen Autoren (nach Ison, 102f):

  1. Schingso (shing bzo), „Zimmermannskunst einschließlich der Bauarbeiten an Klosterburgen, Tempeln, Palästen und Wohnhäusern, der Konstruktion von Maṇḍalas sowie der Herstellung von Werkzeug und anderem Gerät.
     
  2. Doso (rdo bzo), Steinmetzkunst; dazu gehört die Anfertigung von Stupas, Steintöpfen und - werkzeugen, Mahlsteinen und als besondere Kategorie (rtsig bzo) die Errichtung von Steinmauern.
     
  3. Parso (par bzo), Schnitzerei in Form von Holzschnitzerei und skulpturaler Bearbeitung von Schiefer und Stein.
     
  4. Lhaso (lha bzo), Malerei im weiteren Sinn einschließlich der Anfertigung von Thangkas und Mandalas sowie der Bemalung von Schreinen, Wänden und Häusern.
     
  5. Jimso (’jim bzo), Tonarbeit; dazu gehört die Herstellung von Statuen, Töpferware und Masken, von Mörtel, Stuck und von Opfergaben (gtor ma) sowie die Errichtung von Bauteilen aus Stampferde (dzam zo).
     
  6. Lugso (lugs bzo), Metallguß (hauptsachlich Bronze); dabei handelt es sich um das Gießen von Standbildern, Glocken und anderen Musikinstrumenten, von Werkzeug, Küchengerät und Schmuck sowie das Eingießen von verdünntem Ton in Modeln zur Herstellung von Töpferwaren.
     
  7. Shagso (shag bzo), Holzdrechselkunst; sie dient der Herstellung von Schalen (dapa), Schüsseln, Tellern, Eimern, Schöpfkellen und kleinen Handtrommeln für bestimmte Zeremonien, wobei als Rohstoff Knorren (Knoten) und andere Teile von Bäumen und Wurzeln verwendet werden.
     
  8. Garso (mgar bzo), Schmiedekunst; erzeugt werden Schwerter, Messer, Äxte, Pflugscharen, Ketten und anderes Gerät.
     
  9. Trökö (spros brkos), Kunstschmiedearbeiten aus Gold, Silber und Kupfer; diese Materialien wurden häufig durch Ausschneiden, Hämmern, Ritzen und Gravur bearbeitet.
     
  10. Tsharso (tshar bzo), Bambus- und Rohrverarbeitung. Die Vielfalt der Bearbeitung ist dabei besonders groß und die Bezeichnungen für das Endprodukt sind regional unterschiedlich. Die folgende Aufzählung enthält nur einige Beispiele: Der Bangtschung (bang chung) dient dem Transport von Speisen, der Palang (pa lang) als Gefäß für Bier und andere alkoholische Getränke, der Tshesip (tshe sip) ist eine Art Schachtel, der Belo (be lo) ein Hut und die Redi (redi) eine Bodenmatte, der Luchu (lu chu) wird zur Aufbewahrung von Getreide verwendet und der Balep (ba lep) (Bambus) zum Dachdecken; auch die Herstellung von Pfeil und Bogen gehört hierher.
     
  11. Dälso (’dal bzo), Papierherstellung. Däl bezieht sich auf die Pflanzengattung Daphne (Seidelbast, thymelaeaceae), die bis heute zur Erzeugung von Papier benutzt wird; in jüngerer Zeit finden auch Bambus und Reishalme Verwendung.
     
  12. Tshemso ((’)tshem bzo), Stoffverarbeitung. Diese Tätigkeit bezieht sich auf Gegenstände, die zusammengenäht oder bestickt werden, deren Ausgangsmaterial entweder Stoff oder Leder darstellt und die unterschiedlichsten Anwendungsgebiete haben. Dabei unterscheidet man Applikationen mit der Nadel bzw. Stickerei Tshemdrubma (’tshem drub ma) und solche aus zusammengenähten Stoffstücken bzw. Patchwork (genähte Applikationen), Lhändrubma (lhan drub ma) bzw. aus Stoffstücken geklebte Applikationen, Lhänthabma (lhan thabs ma) bzw. aus Stoffstücken gewebte Thangkas, Thagdrubma (’thag drub ma). Der Begriff Tshemzo (tshem bzo) wird auch für die Hut- und Stiefelmacherei verwendet.
     
  13. Thagso (thags bzo), Webkunst; dazu gehört die Herstellung des Garns, das Färben und die Ausführung verschiedenster Muster. Dieses Handwerk besitzt wahrscheinlich die stärkste Verbreitung und die größte Vielfalt an Produkten.

Darüber hinaus ist auch die als Kowäso (ko ba’i bzo) bezeichnete Lederbearbeitung (z. B. für religiöse Trommeln und Schuhe usw.) in Bhutan bekannt.

Handwerkskunst, so wie sie heute in Bhutan bekannt ist, existiert seit der Mitte des 17. Jhs. und entwickelte sich gemäß den Anforderungen und Bedürfnissen der Menschen. Durch den Bau von Festungen (Dzongs), Klöstern und Tempeln, konnten viele der dreizehn Künste immer wieder erprobt werden. Bei der Herstellung von großen Statuen wurden alle dreizehn Künste benötigt, während bei kleineren Objekten nur drei oder vier der Künste Anwendung fanden. So wurden beispielsweise beim Tempelbau zuerst die Maurer, Steinmetze und Zimmersleute benötigt um das eigentliche Gebäude entsprechend der architektonischen Vorlagen anzufertigen. Dann kamen die Skulpturenhersteller, Thangka-Maler, diejenigen, die für Verzierungen, Ausschmückungen, Stickereien, Holzschnitzereien, Kalligraphien, Gold- und Silberschmiedearbeiten mit der Herstellung der religiösen Objekte vertraut waren. Die Schmiede schließlich stellten die Werkzeuge für die Handwerker her und kümmerten sich um landwirtschaftliche Geräte, die tagtäglich von den Farmern benötigt wurden. Die Weber webten die benötigten Stoffe für religiöse und alltägliche Angelegenheiten. Die Drechsler stellten Trinkschalen, Teller, Schalen u.a. her und die Bambus-Hersteller die Behälter zum Transport oder für Dinge, die aufbewahrt werden sollten.

Die bhutanische Regierung aber auch die religiösen Führer des Landes wie die Je Khenpos richteten über die Jahre etliche Trainingscenter in Bhutan ein, damit das Wissen um die alte Handwerkskunst nicht verloren geht, sondern weiterhin vielerorts zur Anwendung kommen kann. Dadurch konnten im Laufe der Jahrhunderte viele Orte entstehen, an denen mit unterschiedlichem Schwerpunkt viele der dreizehn Künste erprobt und ausgebaut wurden.

Unter den bekannten Persönlichkeiten der Geschichte Bhutans gab es – besonders unter den Lamas – wie in Tibet, viele große Künstler. Pema Lingpa (1450-1521) beispielsweise, ist berühmt für seine Fertigkeiten bei der Herstellung von Schwertern, Kettenhemden, Werkzeugen für die Bauern u. a. und seine handgefertigten Werkzeuge können noch heute im Tramshing- Kloster in Bumthang besichtigt werden. Er soll es auch gewesen sein, der die Kunst, so wie sie heute in Bhutan gelehrt wird, vorstellte. Im 18 Jh. gab es Lopön Daupo Tschangtschub Sempa (slob dpon da’u po byang chub sems dpa’), der bekannt dafür war, dass er die Bildnisse der sechszehn Arhats auf seinen Fingernagel (!) zeichnen konnte. Ganz im Zeichen dieser Tradition ist auch das auf einer Fläche von etwa 4x5 cm äußerst fein gemalte Throntuch des Thangkas mit Buddhas Shakyamuni zu sehen, das mit bloßem Auge kaum noch erkennbar ist.

 

Malerei und Skulpturenherstellung in Bhutan

Shabdrung Ngawang Namgyel war neben seiner Funktion als religiöser Lehrer auch als bedeutender Künstler bekannt. Die bhutanische Chronik Lhoi Tschöjung (lho‘i chos byung, f 19a) beschreibt ihn als jemand, der sich z. B. für die Anfertigung eines Hevajrabildes für das Sakyapa-Oberhaupt Sonam Wangpo schon früh mit den indischen und chinesischen Kunststilen auseinandergesetzte (Aris, 1986, 184, n. 18). Jedoch hat wohl kein von Shabdrung selbst angefertigtes Kunstwerk die vielen Feuer in den Klöstern Bhutans im 18. und 19. Jh. überlebt und wenn doch, ist es jedenfalls bis heute unbekannt (Jackson, 1996, 345, 365).

Es ist schwer zu beurteilen, welche der Kunstwerke, die aus der Zeit vor dem 17 Jh. noch in Bhutan erhalten sind, von bedeutenden Lamas aus Tibet mitgebracht und welche tatsächlich in Bhutan hergestellt wurden. Die Elite der Künstler hat sich damals sicherlich in Tibet aufgehalten und es ist unwahrscheinlich, dass Bhutan in dieser Zeit viele Künstler besessen hat, die in der Lage gewesen wären, qualitativ hochwertige Kunst herzustellen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass in der Kölner Bhutan Ausstellung gerade ein Thangka von 55 ausgestellten zu sehen ist, das eindeutig in das 16. Jh. datiert werden kann.

Zhabdrung bemühte sich auch, die buddhistische Kunst in Bhutan auf eine qualitativ höhere Stufe zu erheben und lud aus diesem Grund aus seinem Stammkloster Ralung in Tibet namhafte Künstler nach Bhutan ein. Diese waren Vertreter der sogenannten Menri- (sman bris) Malschule, darunter Tulku Phüntshog, Chözä Lupa und Tulku Gönpo, der ein vollendeter Skulpturenhersteller war. Desweiteren wurde der Künstler Tulku Mipham Chöphel eingeladen, der sowohl den Menri als auch den Khyenri (mkhyen ris) Malstil beherrschte und diese in Bhutan bekannt machte. Der wohl bedeutendste Künstler seiner Zeit war aber der Bhutaner Dragpa Gyatsho, auch Sangyä Dragpa genannt (1646-1719), der bei Tsang Khenchen Pälden Gyatsho (1610-1684) lernte und als Flüchtling in Bhutan lebte. Auf die Talente Dragpa Gyatshos wurde Shabdrungs „rechte Hand“, Tenzin Rabgye (1638-1696), aufmerksam und dieser bat ihn, ein besonders großes Brokatthangka anzufertigen, das Göku Thongdröl Chenmo (gos sku mthong grol chen mo) bzw. Thongwa Rangdröl (mthong ba rang grol) genannt wurde. Dabei handelte es sich um das Großthangka des Klosters Punakha. Er begann mit den Arbeiten 1689 und stellte es 1692 fertig. Dieses Thangka diente von da an als Inspiration und Modell für wenigstens ein weiteres Thangka der gleichen Art, das sog. Zhabdrung Thangka von 1753. Danach wurde Dragpa Gyatsho sofort verpflichtet, mit den schwierigen Arbeiten der Freskenmalerei im Kloster Taktsang zu beginnen. Es heißt, dass ein solches Großthangka dem Betrachter durch das bloße Anschauen des Bildes die „Erleuchtung durch Sehen“ (mthong grol) ermöglicht.

Von den tibetischen Malstilen, die im 17. Jh. in Tibet existiert haben, wurden in Bhutan vor allem die Varianten des Menri und des Khyenri-Stils bekannt. Beide Stile wurden im 15. Jh. in Tibet gegründet und nach großen Künstlern benannt: Döndrub (don grub) aus Menthang (sman thang), genannt Menla, schuf den „Menri“-Stil. Er verfasste eine vorwiegend der Ikonometrie gewidmete Abhandlung. Der Khyenri-Stil wurde nach Jamyang Khyentse Wangchuk (‘jam dbyangs mkhyen brtse dbang phyug) aus Gongkar benannt. Dieser ist vor allem auf Malereien aus Sakya und den Ngor-Klöstern Tibets zu finden. Eine Kopie der Malanleitung Menlas hatte sich bis vor kurzem in Bhutan erhalten (Jackson, 1996, S. 113).

Der Menri-Stil (aus der tibetischen Provinz Tsang) orientiert sich sowohl an der indonepalesischen als auch an der chinesischen Maltradition (wohl auch an Tempelbannern und eleganten Stickereien der Yüan-Zeit) und ist an den kräftigen Farben, den feinen Details und den klaren Formen zu erkennen. Es gibt zumeist sehr viele Figuren im Bild, der Dekor – Blumen, Juwelen und Schmuck – ist üppig und die Buddha-Figuren haben oft rot gefärbte Handund Fußflächen, ein Schönheitszeichen in Indien. Der Khyenri-Stil charakterisiert sich durch eine schwärmerische Freiheit der Linienführung und gedämpfte, dunkle Farben, wie sie z.B. sichtbar werden in den Wandmalereien des Klosters Gongkar Chöde, die Khyentse Wangchuk ausführte. Khyentse Wangchuk studierte unter Dhopa Tashi Gyatso, einem Experten der nepalischen Malerei.

Erst in jüngster Zeit, im Zuge der Vorbereitung für die Ausstellung „The Dragon‘s Gift“ (in Köln: Bhutan – heilige Kunst aus dem Himalaya) wurden die Klöster in Bhutan ausgiebig von einem Expertenteam bereist. Dabei konnte festgestellt werden, dass auch der aus Osttibet stammende Karma Gadri-Malstil in Bhutan in ausgewählten Klöstern, wie zum Beispiel dem Togchu Kloster in Chukha, bekannt ist. Dieser Stil zeichnet sich durch eine feine Linienführung, kräftige Farben, chinesische Landschafts- und Floralmotive aus und zeigt gewöhnlich nur wenige Figuren.

 

Shabdrung Ngawang Namgyel und die Schule der mündlichen Überlieferung des Drachens, Drukpa Kagyü

Unter den Motiven bhutanischer Thangkamalerei ist die Darstellung von Shabdrung Ngawang Namgyel zumindest bei Thangkas der Drukpa-Schule obligatorisch. Von den „drei Juwelen Bhutans“ spricht man aber, wenn Buddha Shakyamuni, Padmasambhava und Shabdrung Namgyel zusammen auf einem Bild dargestellt sind. Auch auf Thangkas, die sich nicht in der Hauptsache mit Shabdrung beschäftigen, ist er zumeist irgendwo klein abgebildet. Auf den meisten Bildern ist er leicht an seinem langem Bart zu identifizieren, der mal schwarz, mal silbergrau zu sehen ist und er hat in der Regel kein inneres Gewand unter seiner Robe. Stattdessen führt er einen roten Gurt bzw. das Band eines Yogin über seine rechte Schulter.

Shabdrungs Vater, Yab Mipham Tenpei Nyima, wird ebenfalls mit einem Bart dargestellt, der jedoch deutlich kürzer ist, als der Shabdrungs. Auf einem Ausstellungsthangka ist der Vater kurioserweise mit einer Art Sonnenblende für die Augen abgebildet, die er auf seiner Gomcha-Kopfbedeckung trägt. Tsangpa Gyare (1161-1211), der Begründer der Drukpa-Schule, bildet in der Darstellung auf Thangkas ebenfalls eine Ausnahme. Sein Mönchsgewand läuft in der Mitte parallel zusammen und ist nicht, wie sonst zu sehen, schräg von links nach rechts übereinander gefaltet.

 

Bhutanische Motive in der religiösen Kunst

Da alle künstlerischen Traditionen der Klöster Bhutans ihren Ursprung in Tibet haben, kann festgestellt werden, dass sich die bhutanische Kunst eigentlich nur unwesentlich von tibetischer Kunst unterscheidet – wäre da nicht die innerbhutanische Entwicklung der letzten drei Jahrhunderte.

Was macht also „moderne“ religiöse Kunst Bhutans aus und welche Merkmale gibt es?

Farben. Zunächst einmal weist die moderne religiöse Kunst Bhutans eine Tendenz zugunsten erdverbundeneren, matten Farben auf, im Gegensatz zu den auf tibetischen Thangkas bevorzugten, kräftig leuchtenden Farben.

Lotossockel. Typisch bhutanisch ist in vielen Fällen auch die Gestaltung des Lotossitzes bei Ton- und Metallstatuen. Erstere erfreuen sich in Bhutan großer Beliebtheit. In Tibet hatte man ursprünglich Meisterskulptoren aus Nepal eingeladen, die die Tibeter in der Herstellung von Metallskulpturen unterrichteten. Weitere Einflüsse kamen aus China. Dadurch konnte sich im Laufe der Zeit eine eigene tibetische Tradition der Metallstatuenherstellung entwickeln. Bhutan blickt was diese Herstellung angeht, auf eine nicht ganz so reichhaltige Tradition zurück. Wie beim Gadri-Malstil gibt es aber auch hier Verbindungen zu Osttibet, von wo man den Kham-so-Stil (hergestellt in Kham, Osttibet) übernahm. Dabei hat sich eine ganz eigene Gestaltung des Lotossitzes herausgebildet. Der Form der Blütenblätter kommt dabei besondere Bedeutung zu. Diese sind nämlich drei – oder fünffach gefächert oder gelappt – etwas, das in der Kunst Tibets nur selten zu finden ist und wenn, dann vor allem bei Darstellungen von Padmasambhava.

Als florales Muster findet sich auf Thangkas manchmal der rote Rhododendron (rhododendron arboream), der in Bhutan etho metho genannt wird. Diese wunderschöne Blüte ist im Frühling an den Hängen des südlichen Himalaja zu finden, und tritt auf tibetischen Darstellungen i.d.R. nur auf Malereien aus Osttibet auf.

Wolken. Ein weiteres Motiv, das als typisch für bhutanische Kunst angesehen werden kann, ist die Darstellung der Wolken. Diese sind oft rosafarben, leuchtend orange, hellgrün und hellblau dargestellt, was in Tibet unüblich ist.

Zu den schönsten Arbeiten religiöser Kunst aus Bhutan gehören die Applikationen, die es in allen Formen und Farben zu sehen gibt. Die Verarbeitung von Stoffen, ganz besonders die Seidenstickerei, hat Tradition in Bhutan. Nicht nur Ghos und Kiras, die typische Kleidung von Mann und Frau kann sehr kunstvoll und damit auch kostspielig sein, ganz besonders treten aber Applikationen mit religiösen Motiven hervor, die oft über viele Jahre hergestellt werden. Zwar gibt es auch in Tibet die Tradition, kostbare Applikationen herzustellen, aber in Bhutan finden sich zahlreiche Meisterwerke, wovon einige auch in der Bhutanausstellung in Köln zu bewundern waren. Drei unterschiedliche Techniken kommen in der Herstellung von Applikationen zur Anwendung: sticken, nähen, kleben und eine Kombination der genannten Techniken. 

 

Mit Gold gemalte Thangkas und das Motiv der Hand- und Fußabdrücke

Eine besondere Kategorie bilden sowohl in Tibet als auch in Bhutan Malereien auf goldenem, rotem, oder schwarzem Untergrund (die sog. Gold-, Rot- oder Schwarzgrundthangkas). Jedoch auch der umgekehrte Weg erfreut sich äußerster Beliebtheit auf Bhutans Kunstwerken: So fanden sich zahlreiche Thangkas in der Kölner Ausstellung, die mit reinem Gold auf farbigem Unter- bzw. Hintergrund gemalt und dadurch besonders wertvoll und einzigartig wurden.

In die gleiche Kategorie fällt auch ein Bild, das den höchsten Abt Bhutans, den Je Khenpo–hier in seiner vierten Inkarnation mit Namen Damchö Pekar (1639-1707)-zeigt. Auffällig sind auf diesem Bild, das offensichtlich zu den Lebzeiten des Lamas gemalt wurde, die Hand- und Fußabdrücke, die der Lama auf dem Bild hinterlassen hat und die anschließend mit Gold übermalt wurden. Dadurch gewinnt das Bild im religiösen Sinne einen so immensen Wert, dass es selbst zu Zeiten, wenn der Lama längst verstorben ist, noch eine Quelle der Inspiration für seine Schüler und die nachfolgenden Generationen sein kann. Die Tradition der bildlichen Darstellung von Fußabdrücken kann in Indien bis in das 1. Jh. n. Chr. zurückverfolgt werden, wo Fußabdrücke aus Bārhut und Sāñchī bekannt sind. Tibetische Thangkas zeigen Fußabdrücke erstmals im 12. und Handabdrücke erst im 16. Jh.

 

Literaturverzeichnis:
Aris, Sources for the History of Bhutan, Wien 1986
Beer, The Encyclopedia of Tibetan Symbols and Motifs, Boston, 1999
Honolulu Academy of Arts, The Dragon‘s Gift. The Sacred Arts of Bhutan, Chicago, 2008
Jackson, A History of Tibetan Thangka Painting, Wien, 1996
Jackson, Tibetan Thangka Painting. Methods and Materials, London, 1984
Khenpo Phuntsog Tashi, Introduction to ‘brug gi bzi rigs bcu gsum gyi bshad pa mkhas pa’i dga’ ston, o.O., o.J.
Kulturstiftung Ruhr, Tibet, Klöster öffnen ihre Schatzkammern, München, 2006
Ison, Barry, Die dreizehn traditionellen Handwerke, in: Schicklgruber, Christian und Françoise
Pommaret: Bhutan Festung der Götter, London, Wien 1997, S. 101-131

Festivals

Religiöse und folkloristische Festivals in Bhutan

Ein besonderer Höhepunkt sind die regionalen Klosterfestivals, genannt Tshechus. Entsprechend des bhutanischen Mondkalenders bedeutet dies der 10. Tag. 

Die wichtigsten Feste im Land sind das im Frühjahr gefeierte Paro Tshechu und das im Herbst gefeierte größte Fest in Bhutan, das Thimphu Tshechu. Bei einem solchen Feiertag trägt die Bevölkerung ihre kostbarsten und prächtigsten Festtagskleider.

 

Darüber hinaus existieren zahlreiche kleinere Feste, die mehr oder weniger in ihrer Thematik variieren. Diese Feste werden oft zu Ehren Padmasambhavas, auch Guru Rinpoche genannt, gefeiert. Besonders die kleineren Festivals sind oft sehr reizvoll und noch weniger besucht. Sehr bekannt sind  das Thamshing Chhoepa sowie das Jambay Lhakhang Drup in Bumthang, das in der Nacht gefeiert wird und exotische Feuerrituale enthält. Es soll kinderlosen Frauen zu einer Schwangerschaft verhelfen.

Wichtigster Teil eines Tshechu ist das Auftreten der acht Erscheinungsformen des Guru Rinpoche: Bei den verschiedenen Ereignissen hatte Guru Rinpoche dem Glauben nach, verschiedene Erscheinungsformen angenommen. Den Ausklang eines Tshechus bildet der Tanz der acht Manifestationen, Guru Tshen Gye genannt.

Religiöse Feste in Bhutan haben zumeist komplexe Inhalte. Jedoch beinhalten Tshechus größtenteils die Beseitigung von Hindernissen im Leben und die Auflösung von Störungen auf dem Weg zur Erleuchtung. Aufgeführt werden in der Regel religiöse Maskentänze, die von folkloristischen Einlagen und Gesängen abgelöst werden. Bei allem Ernst der Darstellungen vergessen die Menschen aber nie ihren Humor und jede Ungeschicklichkeit oder Bloßstellung gut betuchter Anwesender durch die unterhaltenden Spaßmacher (,Atsaras') wird sogleich vom Publikum mit einem lauten Lachen honoriert. So manches Paar soll sich während solcher Gelegenheiten schon kennengelernt haben.

Es geht dabei aber um mehr: Die Identifikation mit dem Buddhismus zu bekunden als auch altüberlieferte Traditionen am Leben zu erhalten und – mit der entsprechenden Einstellung – vielleicht sogar erleuchtet zu werden.

Auch gibt es Feste, bei welchen an einem einzigen Tag im Jahr übergroße Rollbilder (,Thangkas') aufgehängt werden. Diese werden als ,Tongdröl' bezeichnet, was so viel heißt wie ,Befreiung durch Sehen', mithin also eine Möglichkeit, spontan Erleuchtung zu erreichen, auch wenn man nicht viele Jahre meditiert hat.

Trotz der großen Veränderungen in den letzten Jahren hat Bhutan seine Wurzeln nicht vergessen. Im Gegenteil: An vielen Orten entstehen neue Klöster und die zahlreichen Feste gewinnen weiter an Popularität. Die farbenfrohen Ereignisse sind allesamt auch eine Touristenattraktion, schließlich kennt das Land ansonsten keine nennenswerte Industrie.

Übersicht über alle Festivals in Bhutan

Literatur

Aris, Michael: The Admonition of the Thunderbolt Cannon-ball' and its place in the Bhutanese New Year. in: Bulletin of the School of the Oriental and African Studies, Vol. XXXIX, part 3, 1976, University of Oxford, 601-635.

Aris, Michael: Bhutan, The Early History of a n Kingdom, Warminster, 1979, 345 S.

Aris, Michael: The Raven Crown. The Origins of Buddhist Monarchy in Bhutan, London, 1994, Serindia Publications, 160 S.

Ashi Dorji Wangmo Wangchuck: Of Rainbows and Clouds,The Memoirs of Yab Ugyen Dorji, Thimphu, 1997, 230 S.

Bruskeland Amundsen, Ingun: On Bhutanese and Tibetan Dzongs, in: Journal of Bhutan Studies, Vol. 5, Summer 2001, 8-41.

Pommaret, Françoise: Der Weg zum Königthron, in: Christian Schicklgruber und Françoise Pommaret (Hrsg.), Festung der Götter, Wien, 1997, 209-235

Slobdpon Padma Tshedwang: History of Bhutan, Thimphu, 1994, 625 S.

Yonten Dargye, History of the Drukpa Kagyud School in Bhutan, Thimphu, 2001, 236 S.

Verhufen, Gregor: Bhutan - Teil 1: Shabdrung Ngawang Namgyal & Punakha Dzong. Der Weg des Drachenlandes zum geeinten Himalaya-Staat, in: Deutsche Bhutan Gesellschaft (Hrsg):Thunlam 2/2007, 26-36

Verhufen, Gregor: Bhutan - Teil 2: Das Punakha Dromchö Festival, in: Deutsche Bhutan Gesellschaft (Hrsg): Thunlam 1/2008, 30-35

Gregor Verhufen

Gregor Verhufen ist studierter Tibetologe, Indischer Kunstgeschichtler und Religionswissenschaftler der Universität Bonn. Derzeit ist Herr Verhufen Vorstandsmitglied der Deutschen Bhutan Himalaya Gesellschaft und stand als solcher u. a. dem Museum für Ostasiatische Kunst, Köln bei der großen Bhutanausstellung 2010 beratend zur Seite.